Ernährung bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten:

was die Evidenz hergibt

Wiederkehrende Harnwegsinfekte takten den Alltag deiner Patientinnen spürbar. Häufiger Harndrang, nächtliches Aufstehen, Schmerzen beim Wasserlassen, dazu die ständige Planung um die nächste Toilette. In der Beckenboden- und Postpartum-Arbeit begegnen sie dir häufig, und die Frage nach der Ernährung kommt fast immer irgendwann auf. Eine Fortbildungsübersicht von Petra Goergens in der Uro-News (2025) sortiert die Studienlage und trennt dabei sauber zwischen dem, was belegt ist, und dem, was vor allem beworben wird.

Die Risikofaktoren, an denen wir ohnehin arbeiten

Drei ernährungsassoziierte Faktoren erhöhen das Risiko für rezidivierende HWI: Obstipation, Adipositas mit einem BMI über 30 und Diabetes mellitus.

Der Obstipations-Zusammenhang ist für unsere Arbeit der interessanteste. In einer Untersuchung an postmenopausalen Frauen hatten 82,9 Prozent der Frauen mit Obstipation einen Harnwegsinfekt, in der Kontrollgruppe waren es 46,6 Prozent (p < 0,001). Das ist genau die Schnittstelle, an der wir mit Beckenboden, Entleerungsfunktion und Darmträgheit ohnehin ansetzen. Wer die Obstipation angeht, adressiert damit möglicherweise auch einen HWI-Risikofaktor.

Beim Gewicht zeigt eine Metaanalyse, dass vor allem ein BMI über 30 mit einem erhöhten HWI-Risiko einhergeht, besonders bei Frauen und bei Personen unter 60 Jahren. Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel wurde bislang nicht systematisch untersucht. Eine retrospektive Studie fand bei prämenopausalen Frauen mit rezidivierenden Infekten häufiger einen Mangel (unter 15 ng/ml), mehr lässt sich daraus vorerst nicht ableiten.

Trinkmenge: einer der wenigen klaren Effekte

Hier ist die Evidenz vergleichsweise solide. Eine randomisierte Studie zeigte, dass 1,5 Liter zusätzliche Flüssigkeit pro Tag bei Frauen mit geringem Trinkvolumen (im Schnitt 1,1 Liter täglich) die Zahl der Infekte signifikant senkt und die Abstände zwischen den Episoden verlängert. Die Leitlinie der DGU empfiehlt rund 2,5 Liter pro Tag, davon mindestens 1,5 Liter Wasser, verteilt auf sechs bis acht Portionen.

Das ist ein niedrigschwelliger Ansatzpunkt, den du direkt im Gespräch mitgeben kannst, gerade bei Patientinnen, die aus Angst vor Harndrang eher zu wenig trinken.

Pflanzenbetont und mediterran: das größere Bild

Der vielversprechendste Ansatz in der Übersicht ist eine pflanzenbetonte, mediterrane Ernährung. In der Tzu Chi Vegetarian Study wurden 9.724 Personen begleitet. Vegetarisch lebende Frauen hatten ein um 16 Prozent geringeres Risiko für unkomplizierte Harnwegsinfekte, adjustiert nach Alter, Diabetes, Bluthochdruck und weiteren Faktoren. Diskutiert wird, dass Fleisch als Reservoir für bestimmte krankmachende E.-coli-Stämme dient.

Dahinter steht die Darm-Blase-Achse. Eine ballaststoff- und polyphenolreiche Kost verschiebt die Darmmikrobiota in Richtung von Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat bilden. Das intestinale und das vaginale Milieu bilden zusammen eine Achse, die in der Entstehung weiblicher HWI eine Rolle spielt. Bei Schwangeren senkte eine mediterrane Ernährung in einem systematischen Review das Infektrisiko (p = 0,001).

Cranberry und Probiotika: die ehrliche Einordnung

Hier wird viel versprochen, die Datenlage trägt das nur begrenzt.

Cranberry-Produkte werden in der Leitlinie grundsätzlich genannt und können das Risiko bei bestimmten Gruppen wahrscheinlich senken, eindeutige klinische Belege fehlen aber. Zu Dosis, Dauer und Darreichungsform gibt es keine konkrete Empfehlung. Für einen messbaren Effekt werden mindestens 36 mg Proanthocyanidine pro Tag angenommen, das entspricht etwa 300 ml Saft. Auf reiner Lebensmittelebene lässt sich daraus keine verlässliche Empfehlung ableiten.

Bei Probiotika, speziell Laktobazillen, ist die Lage heterogen. Einzelne Studien deuten auf einen Nutzen hin, in der Summe bleibt das Bild uneinheitlich, weil Stämme, Verabreichung und Behandlungsdauer stark variieren. Fermentierte Milchprodukte wie Joghurt oder Kefir werden mit niedrigeren Infektraten in Verbindung gebracht, für eine feste Empfehlung reicht das noch nicht. Auch die gezielte Harnansäuerung über L-Methionin liefert widersprüchliche Ergebnisse.

Ein Randbaustein: Senföle und Kräuter

Senfölhaltige Lebensmittel wie Brokkoli, Pak Choi, Radieschen, Meerrettich und Kapuzinerkresse haben eine gut untersuchte antibakterielle Wirkung und lassen sich gut in eine pflanzenbetonte Ernährung integrieren. Ähnliches gilt für Kräuter und Heilpflanzen aus der Phytotherapie bei HWI, etwa Goldrute oder Schachtelhalm. Gedacht ist das unterstützend, nicht als Monotherapie.

In der Praxis

Ernährung ist bei rezidivierenden HWI ein Baustein in einem multimodalen Ansatz, kein Ersatz für die urologische Abklärung. Für unsere Arbeit ergeben sich trotzdem konkrete Anknüpfungspunkte: das Trinkverhalten ansprechen, die Obstipation ernst nehmen, bei Bedarf strukturiert mit qualifizierten Ernährungsfachkräften zusammenarbeiten.

Gut für die Beratung zu wissen: Mit einer ärztlichen Notwendigkeitsbescheinigung (budgetneutral für die verordnende Praxis) können Patientinnen einen Kostenzuschuss für die Ernährungstherapie bei ihrer Krankenkasse beantragen. Zertifizierte Fachkräfte findest du zum Beispiel über e-zert.de.

Quelle

Petra Goergens: Ernährung und rezidivierende Harnwegsinfektionen. In: Uro-News 2025, Jg. 29, Heft 5, S. 20 bis 25. DOI: 10.1007/s00092-025-6619-8

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