Wenn Training nicht mehr reicht:
Was die Zehnjahresdaten zur Senkungs-OP für unsere Arbeit bedeuten
Ich kenne diesen Moment in meiner Praxis gut. Eine Frau kommt seit Monaten zu mir, sie arbeitet mit, sie spürt ihren Beckenboden inzwischen anders als am Anfang.
Wir sehen kleine Fortschritte.
Und dann sitzt sie eines Tages vor mir und sagt, dass sich das Ziehen nach unten wieder verstärkt hat. Die Senkung schreitet voran, obwohl sie alles getan hat, was ich ihr mitgegeben habe. Ab einem bestimmten Punkt kann ich mit konservativer Therapie die Anatomie nicht mehr zurückholen. Dann steht die Frage nach einer Operation zwischen uns im Raum.
Für viele Frauen fühlt sich dieser Moment an wie ein eigenes Versagen.
Ehrlich gesagt ging es mir am Anfang meiner Arbeit ähnlich, als hätte ich sie nicht genug unterstützt.
Aber, eine Senkung ist kein Zustand, der entweder behoben oder nicht behoben ist.
Sie ist ein Verlauf, der sich über Jahre verändert. Und die Frau, die vor mir sitzt, hat an diesem Punkt gute Optionen.
Was die Studie untersucht hat
Das US-amerikanische Pelvic Floor Disorders Network hat in der SUPeR-Studie zwei Operationsverfahren bei symptomatischer Gebärmuttersenkung verglichen. Auf der einen Seite die vaginale Hysterektomie mit uterosakraler Ligamentsuspension, also Gebärmutterentfernung mit körpereigenem Gewebe. Auf der anderen Seite die uteruserhaltende sakrospinale Hysteropexie mit einem transvaginalen Netz.
Zwischen 2013 und 2015 wurden an neun Zentren 183 postmenopausale Frauen randomisiert, 175 gingen in die Auswertung ein. Das mittlere Alter lag bei 66 Jahren. 112 Frauen, also 64 Prozent, nahmen an der erweiterten Nachbeobachtung zwischen Jahr sechs und zehn teil. Als Therapieversagen galt ein zusammengesetzter Endpunkt aus erneuter Prolapsbehandlung, anatomischem Prolaps über das Hymen hinaus oder anhaltend belastenden Symptomen.
Die beiden Verfahren kurz erklärt
Bei der vaginalen Hysterektomie mit uterosakraler Ligamentsuspension wird die Gebärmutter über die Vagina entfernt. Danach näht die Operateurin das obere Scheidenende an die uterosakralen Bänder, also an körpereigenes Haltegewebe. Der Halt entsteht ohne Fremdmaterial. Das ist seit Langem das gängige Verfahren bei Gebärmuttersenkung.
Bei der sakrospinalen Hysteropexie bleibt die Gebärmutter erhalten. Sie wird über ein Netz am sakrospinalen Band fixiert, das seitlich im Becken verläuft. Der Halt kommt hier also aus einem Implantat, nicht aus körpereigenem Gewebe. Genau dieses Netz ist der Punkt, an dem die Übertragbarkeit endet: Das in der Studie verwendete Netz-Kit ist in den USA nicht mehr auf dem Markt.
Die Ergebnisse
Nach zehn Jahren trat ein Therapieversagen in der Hysteropexiegruppe seltener auf als nach Hysterektomie. Die Versagensraten lagen bei 40 Prozent gegenüber 53 Prozent, entsprechend einer adjustierten Hazard Ratio von 0,64 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,41 bis 1,00; P = 0,05). Der Unterschied liegt damit an der Grenze zur statistischen Signifikanz, das obere Ende des Intervalls berührt die 1,0. Die modellierte Wahrscheinlichkeit für ein Versagen nach zehn Jahren lag bei 43 Prozent unter Hysteropexie und 59 Prozent nach Hysterektomie, ein Abstand von 15 Prozentpunkten.
Wichtig für die Einordnung: Der erwartete Zugewinn an Haltbarkeit des Netzverfahrens gegenüber dem Eigengewebe in den Jahren sechs bis zehn blieb aus. Der Vorsprung entstand vor allem in den frühen Jahren. Das höchste Risiko für ein Versagen bestand im ersten Jahr nach dem Eingriff, danach nahm es kontinuierlich ab. Die meisten Versagensereignisse waren anatomischer Natur, sie betrafen 60 Prozent der Fälle in der Hysteropexie- und 72 Prozent in der Hysterektomiegruppe.
Bei dem, was für die Frauen im Alltag zählt, unterschieden sich die Gruppen nicht. Bei Prolapsbeschwerden, urogenitalen und intestinalen Symptomen, sexueller Funktion und Dyspareunie zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Eine deutliche subjektive Besserung berichteten 85 Prozent der Frauen nach uteruserhaltender Operation und 83 Prozent nach Hysterektomie. Reoperiert wurden 12 Prozent beziehungsweise 16 Prozent.
Schwere Komplikationen blieben über zehn Jahre selten. Zwischen Jahr sechs und zehn wurden nur sechs schwere unerwünschte Ereignisse dokumentiert, die nicht mit den Eingriffen zusammenhingen. Der Uteruserhalt erwies sich als sicher. Bei 6 Prozent der Frauen wurden zervikale oder endometriale Auffälligkeiten weiter abgeklärt, bösartige Befunde traten nicht auf.
Warum die Umdeutung wichtig ist
Im begleitenden Kommentar schlagen Ali Antoine und Amy J. Park von der Cleveland Clinic vor, Beckenorganprolaps als chronische und dynamische Erkrankung zu verstehen, nicht als etwas, das entweder geheilt oder nicht geheilt ist. In der Beratung sollte die langfristige Symptomkontrolle stärker im Vordergrund stehen als die anatomische Perfektion. Und die Entscheidung zwischen Uteruserhalt und Hysterektomie sollte gemeinsam mit der Frau getroffen werden, mit beiden Verfahren als gleichwertigen Optionen.
Das deckt sich mit dem, was wir in der Therapie ohnehin vertreten. Der Befund auf dem Papier ist nicht dasselbe wie das, was die Frau erlebt. Eine Senkung ein oder zwei Zentimeter tiefer bedeutet nicht automatisch mehr Leidensdruck, und umgekehrt kann eine anatomisch kleine Senkung eine Frau stark belasten. Was zählt, ist der Verlauf und das Symptomerleben über die Zeit.
Was das für unsere Arbeit heißt
Der Übergang zur Operation ist nicht das Ende unserer Begleitung. Präoperativ können wir an Wahrnehmung, realistischen Erwartungen und Druckmanagement arbeiten. Postoperativ geht es um Rehabilitation und um Verhalten im Alltag, das erneuten Belastungsspitzen vorbeugt. Weil eine Senkung chronisch ist, bleibt konservative Arbeit auch nach einem Eingriff relevant.
Wir können Frauen außerdem in der Entscheidungsfindung stärken. Der Uteruserhalt ist nach diesen Daten eine sichere Option und nicht automatisch der schlechtere Weg. Eine Frau, die ihre Gebärmutter behalten möchte, muss diesen Wunsch nicht gegen ihre Gesundheit abwägen. Diese Information gehört ins Gespräch, bevor eine Frau in die OP-Aufklärung geht.
Eine ehrliche Einschränkung
Das in der Studie verwendete Netz-Kit ist in den USA nicht mehr auf dem Markt. Die FDA kam 2019 zu dem Schluss, dass transvaginale Netze über drei Jahre keine Überlegenheit gegenüber Eigengewebe zeigten, und nahm entsprechende Systeme vom Markt. Die Studie ist also kein Argument dafür, das konkrete Netzverfahren zu empfehlen. Übertragbar ist etwas anderes: dass Uteruserhalt sicher sein kann, dass beide operativen Wege über zehn Jahre anhaltende Besserung bringen, und dass es sinnvoll ist, eine Senkung als Verlauf zu behandeln statt als einmalig zu behebendes Problem. Die regulatorische Lage in Deutschland unterscheidet sich, entscheidend bleibt die individuelle chirurgische Beratung.
QuellenNager CW, Visco AG, Richter HE, et al. Sacrospinous Hysteropexy With Mesh vs Vaginal Hysterectomy for Treatment of Uterovaginal Prolapse: 10-Year Results of a Randomized Clinical Trial. JAMA Surg. Online veröffentlicht 24. Juni 2026. doi:10.1001/jamasurg.2026.2263. Studienregister NCT01802281
